Wort zum Tag

Freitag, 19. März

Fasten als Lebensprinzip

«Einwilligend in den Wechsel bleibst du beständig.» (Nelly Sachs, 1891 – 1970)

Leben braucht den Wechsel zwischen Fülle und Verzicht. Das betrifft nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern auch andere Bereiche unseres Lebens, wie die Bewegung, die Kommunikation, den Schlaf. Im Rhythmus leben zwischen Zeiten der Aktivität und der Ruhe entspricht unserer Natur. […]

«Der ewige Wechsel ist eine notwendige Bedingung des Lebens überhaupt.» Für dieses dem französischen Philosophen Henri Bergson zugesprochene Zitat liefert die Biologie eine Fülle an Belegen. Leben braucht Wechsel, braucht Wandlung, sonst wäre es kein Leben. […]

Das Leben ist entstanden eingerahmt in die grossen Wechsel dieser Erde: Tag und Nacht, Sommer und Winter, Ebbe und Flut. Alle Lebewesen auf unserem Planeten schwingen mit in diesem Wechsel. Das zeigt sich in ihrem Verhalten, in der Funktion der Organe und den Reaktionen der Moleküle. […]

Was für das Essen gilt, gilt auch für die anderen Lebensbereiche: Viel mehr noch als auf das «Weniger» kommt es bei allem auf den Wechsel zwischen dem «Weniger» und dem «Mehr» an. Wir brauchen das Licht und die Dunkelheit; wir brauchen Ruhe und Bewegung; wir brauchen das Hören, die (akustische) Anregung für den Geist und die Stille. […]

Geschaffen für den Wechsel. Auch wenn wir es oft nicht wahrhaben wollen und uns immer wieder isolieren in einer künstlichen, scheinbar sicheren Welt: Wir sind Teil eines grossen Netzwerks, Teil dieser natürlichen Welt, wir atmen mit ihr ein und aus. Wir können uns gar nicht absondern. Unser Körper weiss das, hören wir auf ihn.

Aus Ulrike Gebhardt, Gesundheit zwischen Fasten und Fülle, Warum Nahrungsverzicht Gehirn, Geist und Körper jung hält, Springer-Verlag, Berlin 2019

(mitgeteilt von Dieter)

Donnerstag, 18. März

«Keiner sucht mich»

Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck, aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Grossvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: «So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.»  aus Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim

Viele von uns kennen diese hübsche, nachdenklich machende Kurzgeschichte. Man könnte daraus Folgendes ableiten: Wer fastet, der braucht weniger Zeit, um das Essen zu besorgen, es zuzubereiten und dann auch noch zu verzehren. Und diese gewonnene und willkommene Zeit ist gerade dafür da, um Gott zu suchen.

Nur: Gott hält sich nicht mehr verborgen. Er hat sich uns längst offenbart und sich als ein Mensch zu uns gesellt. Und so kehrt sich das «Versteckis-Spiel» geradezu um: Gott sucht uns! Er ruft uns mit Namen, die wir uns immer wieder vor anderen verstecken oder die wir vor uns selbst etwas verstecken. Er will uns aus unseren äusseren oder inneren Verstecken zum Leben herausrufen, so wie er einst den Lazarus aus der Grabhöhle herausgerufen hat. Das Fasten kann uns die inneren Ohren öffnen, dass wir seinen Ruf hören. Getrauen wir uns, seinem Ruf zu folgen?

«Jesus lebt, mit ihm auch ich! … Er verklärt mich in sein Licht, dies ist meine Zuversicht.»   aus Chr. F. Gellert, RGB Nr. 482

Pfarrer Andreas Scheibler

Mittwoch, 17. März

Liebe Mitfastende

Fasten ist das Gegenteil von sich einschliessen oder sich abkapseln.
Was wir abschliessen ist Lärm, Ablenkung, Hektik, Angst, negative Gedanken, Worte und Taten.

Öffnen aber wollen wir all unsere Sinne und unser Herz.

In Ruhe öffnen wir uns Allen und Allem – dankbar, achtsam, bewusst.
So sind wir verbunden, miteinander, mit Allem.
Niemand ist allein, niemand ausgeschlossen.

Mit der Zeit erleben wir, dass Leben Beziehung ist – mit mir, mit Allen und Allem.

So können wir uns Fastende gleichsam als grosse Familie erleben auf einem gemeinsamen Weg.

In Verbundenheit

Gerhard

Montag, 15. März

Für eine Weile
nicht von aussen leben
sondern von innen

nichts zu mir nehmen
sondern von mir lassen

mich nicht weiter füllen
sondern leeren

und angesichts von Angst und Unsicherheit
das Vertrauen üben

dass ausreicht
was ich bin hier und jetzt

Katja Süss

Es gibt manchen Weg, nach weniger zu greifen, freier zu werden – wo will ich heute damit beginnen?

Wie die Luft in allem ist, wo Raum ist,
so kann Gottes Atem nicht anders als in alles zu fliessen, wo für ihn Raum ist.

Meister Eckhart, 13./14. Jh.

(mitgeteilt von Monika Hemri)

Sonntag, 14. März

«In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, allmächtiger Vater, zu danken und dich in dieser Zeit der Busse durch Entsagung zu ehren. Die Entsagung mindert in uns die Selbstsucht und öffnet unser Herz für die Armen. Denn deine Barmherzigkeit drängt uns, das Brot mit ihnen zu teilen in der Liebe deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus.»

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Fasten als Praxis ist so alt wie die Menschheit. Im Alten Testament verzichteten die Menschen von morgens bis abends auf Nahrung und Wasser, damit Gott ihre Wünsche erfüllen konnte. Sie fasteten zur Vorbereitung auf den heiligen Krieg, als Zeichen der Trauer, als Zeichen der Reue und in Zeiten des Unglücks und der Not. In der Bibel wird uns unter anderem von den folgenden Personen ein Fasten berichtet: Mose, David, Elia, Esther, Daniel, Anna, Jesus, Paulus und die anderen Apostel.

Vor nicht allzu vielen Jahren hielten sich die Katholiken an feste kirchliche Richtlinien, was, wann und wie man fasten sollte, bis hin zu den genauen Kilogramm Fleisch, die man essen durfte. Die Kirche verfolgt heutzutage nicht mehr die Absicht, Praktiken für die Fastenzeit im Detail zu regeln. Die aktuellen Regelungen heben lediglich den Aschermittwoch und den Karfreitag hervor. Zudem wird ein freiwilliges Fasten im Sinne des besonderen Teilens mit anderen an allen Freitagen der Fastenzeit nahegelegt.

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Mit diesen Eingangsworten zum Hochgebet und den Hinweisen zum Fasten wünsche ich der ganzen Fastengruppe einen erfüllten Tag und eine fruchtbare Fastenzeit.

Gottes Segen

Pfarrer Adrian Sutter

Samstag, 13. März

Loslassen

Loslassen was ich nicht brauche:
meinen Egoismus
meine Selbstherrlichkeit,
Vorurteile und Rechthaberei
Angst, Unsicherheit, Misstrauen
Kummer und Probleme,
Ärger, Aggressionen,
meinen Stress,
meine Termine,
meine Unentbehrlichkeit.

Loslassen, was mich hindert:
meine Gleichgültigkeit
meine Gewohnheiten
festgefahrene Meinungen
meine Abhängigkeiten

Loslassen, wen ich behindere:
durch meine Hilfe hilflos mache,
durch meine Liebe unfrei mache,
durch meine Ansprüche überfordere,
auf das Bild festlege,
das ich mir von ihm gemacht habe.

© Gisela Baltes
(zur Verfügung gestellt von Theresa Zenker)